Dilemma

Permanent sind Entscheidungen gefordert. Gleichzeitig wird Entschiedenheit abverlangt. Der Mensch, der mithalten will, soll konsumieren. Der Mensch, der mithalten will, soll konzentriert sein.
KONSUM: Kauft ohne nachzudenken sinnlos unseren Mist. Dieser Spruch war jedem gelernten DDR-Bürger geläufig. Er bezog sich jedoch auf die angeblich mangelhafte Qualität des angeblich zu spärlichen Warenangebotes. KONSUM war eine Handelskette, noch existent aus Vorkriegszeiten. Man ging in den Konsum. So wie man heute ein Tempo benutzt, auch wenn es gar kein Tempo ist. So ähnlich jedenfalls hat es sich zugetragen. So übermächtig war der Konsum, als die Betonung des Wortes noch auf dem O statt auf dem U lag, dass er oft auch genannt wurde, wenn das Geschäft zur HO* gehörte. Komischerweise ging man nicht in den Konsum, wenn man Unterwäsche kaufen wollte, obwohl die Wäschetruhe zum Beispiel auch zum KONSUM hätte gehören können. Oder das Nähgarn kaufte man bei 1000 kleine Dinge. Auf dem Dorfe allerdings auch im Konsum. Immerhin brauchte man nicht so viele unwichtige Entscheidungen treffen.
Abends, oft auch schon am helllichten Tage, sind die Menschen von all den Entscheidungen so erschöpft, dass sie ihre Kleinkinder fragen, was gegessen werden oder welcher der 3000 Joghurts gekauft werden soll. Unklar ist, ob Mitspracherecht aufgedrängt oder Planlosigkeit gelehrt wird. Klar ist, dass es den Befragten meistens ziemlich egal ist.
Unwichtigkeiten rauben die Konzentration. Vermutlich ist der natürliche Zustand eines Menschen ein konzentrierter. Und als solcher ist er ja auch gefragt. Aber wer soll dann all diese Dinge kaufen und sich entscheiden müssen? Er spürt es selbst, der Mensch. Schaut man sich in Einkaufstempeln und -passagen um, sieht man überdurchschnittlich schlecht gelaunte Menschen. Sie müssten doch eigentlich vor Freude sprühen. Tun sie aber nicht. Sie können sich nicht entscheiden, sie sind müde, sie möchten nach Hause und nichts mehr sehen. Dann kommen sie in eine vollgestopfte Bude, in der kein Mensch mehr atmen kann. Auf den Mangel pflanzt sich die Depression.
Und in der DDR war aber keineswegs alles besser.


© Silka Teichert
2015