Sattheit

Belehrungen. Satt an Nahrung. Satt an Kleidern. Satt an Wissen.
Erdreistung. Dreist in den Maßnahmen. Dreist in der Handlung. Dreist in den Maßgaben.
Habe ich es dir nicht schon hundertmal gesagt.
Der Satte fürchtet den Hungrigen. Wo ist die Neugier geblieben? Er braucht die Bestätigung, nicht den Zweifel. Er braucht den Hungrigen, um sich zu vergewissern. Seines Besserseins. Nicht seines Stehengebliebenseins. Seine Frechheiten will er loswerden. Manchmal seinen eigenen Schatten. Satt an Gefühlen. Die Amplituden fehlen. Im Gestank springt der Riecher nicht an, nur wenn er hineinkommt in ihn. Im Mittelalter diente der Olfaktorius als Stadtplan, immer der Nase nach. Ein unterscheidendes Organ. Der Satte schnüffelt am liebsten am Verächtlichen, wenn er sich überdrüssig ist.
Nicht weniger eitel ist der Hungrige. Er riecht es nicht mehr, dass man ihn riecht. Genügsamkeit bis zur Wut, zum Angriff, zur Selbstgerechtigkeit, zur Ausgrenzung und Selbstausgrenzung. Haben wir doch recht gehabt! Bis hin zu Dummheit und Ignoranz.

Kann sich selbst nicht sättigen.
Rümpft den Kolben.
Das Enzephalon klingt wie ein Tier, nimmt Anlauf und will über den Abgrund springen, den es selbst geschaufelt hat. Doch jedes Mal werden die Wurzeln mitgerissen.
Fülle verwechseln mit Sattheit. So bleibt ein jeder auf seinem Platz. Die Füllmenge wird umgeleitet


© Silka Teichert
2015