Im Auftrag der Liebe

7.00 Uhr
Zwei Tische stehen vor dem türkischen Imbisslokal, die einzigen weit und breit. Und selbst hier ist dieser Umstand offenbar dem nebenan gelegenen Waschsalon zu verdanken.
Dieser ist: leer.
Aber die Sonne scheint schon. Und draußen wird man auch seine Ruhe haben können. Doch es gibt sie in solchen Momenten mit hoher Zuverlässigkeit, die Umtriebigen, selbst wenn es nur einer ist – er will sich unterhalten. Dieser eine Sonntagmorgenmensch, dem sie auf der Magistrale begegnet, sitzt vor dem Imbiss.
Eine Frau, ein Kaffee, ein Ayran. Schreibsachen. Der eine Tisch.
Ein Mann, ein Bier. Der andere Tisch.
Da posaunt er auch bald schon hinüber: „Wat lernste denn da so akribisch?“
Pause.
„Wat wollnse denn mal werden?“
Er wartet auf jemanden und fragt des öfteren nach der Uhrzeit. Aber er hat auch noch ein anderes Anliegen: „Schreibense doch mal n Kinderbuch. Sowas wird jebraucht, gerade in der heutigen Zeit. Aber nich sone ruppigen Dinger wie wir damals, wie Max und Moritz oder so. Heute sind ja die Kleenen selber schon Punker.
Die muss man mehr so die Liebe erklären.“
11.00 Uhr
Die Straßenbahn ist: voll.
Man hat sich herausgeputzt. Vielmehr tat man das, was man irrtümlicherweise unter Herausputzen versteht. Es stinkt dermaßen, dass man die Luft anhalten muss. Diese Menschen hier haben Drogeriemärkte ausgeräumt. Wolken an einem Sommertag.
Schwindelerregend. Hier erklärt einem keiner die Liebe.


© Silka Teichert
2015