Ohrenklingen

„Die Krankheit ist ein Dämon […] ist der Geist eines Verstorbenen […] aber auch ein Thier […]; und endlich ist die Krankheit auch das das Saugen oder Zehren eines dämonischen Menschen.“1
Im Falle der Ohren scheint dies nicht abwegig zu sein, denn sie sind eigenwillige und sensible Geschöpfe. Sie spielen sich nicht auf, leuchten nur aus ehrlichem Grund, verlangen nicht nach Schminke. Und doch sind sie ein Tor für die pausenlose Infiltration unseres Bewusstseins. Wir schenken den Ohren gewöhnlich zu wenig Beachtung. Es sei denn, ein Mensch konzentriert sich stark auf das Befinden dieser inneren und äußeren Teile seines Kopfes, dass er was zu erzählen hat und sich nichts anhören muss.
Achtet man ansonsten auf die Wohlgeformtheit von Körperteilen, betrachtet man die bescheidenen Ohren nur, wenn sie – gemessen an den jeweils herrschenden Maßstäben – missgestaltet sind oder sich durch auffallenden Schmuck hervortun, was eigentlich nicht ihrem wahren Charakter entspricht, jedenfalls nicht in unserem Kulturkreis. Würden sie aber fehlen, sähe man sofort, dass etwas Wichtiges entweder abhanden oder gar nicht erst zum Vorschein gekommen ist.
Wir müssen uns also Gedanken machen, wie die Ohren über diese Behandlung denken mögen. Begeistert sind sie bestimmt nicht. Nie haben sie ihre Ruhe und trotzdem muten wir ihnen alles zu.
Dafür rächen sie sich manchmal – mit Schmerz (siehe o. g. Dämonen)!
Dann überlegen wir, woher er kommt, der Schmerz, und wie wir ihn besiegen können, ohne zu bedenken, dass jeder Auflösung bereits eine Erkenntnis zugrunde liegen muss und nicht nur umgekehrt die Analyse der Erkenntnis dient. Selbst in den Fällen, in denen Ohrensausen das auserkorene Lieblingsgebrechen des Leidenden darstellt, dürfte sich bei Beachtung dieses scheinbaren Widerspruchs das ersehnte Glücksgefühl in Form von Schmerzfreiheit einstellen.
Hierzu sei folgendes Rezept genannt:
„Ein kleines Thier, Con ráy genannt, hat das Ohr zu beschützen und wohnt in demselben; das Ohrenschmalz sind seine Excremente. Wenn es mit anderen Thieren oder mit Fremdkörpern kämpft, um ihnen das eindringen in das Ohr zu verwehren, so entsteht dadurch das Ohrenklingen […] Die Annamiten glauben auch, dass beide Ohren mit einander in einer directen Verbindung stehen. Wenn eine Ameise in ein Ohr eindringt, so verschliesst man schnell das andere, weil man annimmt, dass sie nun keine Luft zum Athmen habe und in Folge dessen eiligst wieder herauskriechen müsse.“2


1Aus: Max Bartels „Medizin der Naturvölker. Urgeschichte der Medizin“, Reprint der Originalausgabe von 1893, REPRINT-VERLAG-LEIPZIG, S. 10
2 Siehe Fußnote 1, hier S. 212


© Silka Teichert